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Frauen und Globalisierung

Die ökonomische Globalisierung, anders gesagt die freie Zirkulation von Kapital, Arbeit, Waren und Informationen, hat große Auswirkungen auf die Frauen. Im Zentrum mehrerer Phänomene, die eng mit dieser Globalisierung verknüpft sind - wie Freihandelszonen, Flexibilisierung der Arbeit, Unterbeschäftigung, Heimarbeit oder auch Internationalisierung der Migration - wurden die Frauen stärker in den ökonomischen Bereich integriert, aber gleichzeitig tragen sie die meisten Kosten. Sie erleiden die volle Wucht der Verschlechterung der Existenzbedingungen: Das Anwachsen der Armut und Ungesichertheit im größten Teil der Weltbevölkerung betrifft ganz besonders die Frauen und die Kinder. Die UNPD spricht von 70 % Frauen unter den 1,25 Milliarden sehr armen Menschen. Die Konsequenzen dieser Globalisierung kommen zu den schon sehr schwer wiegenden der Ungleichheit der Geschlechter hinzu. Das generelle Vorherrschen einer statusmäßigen Minderwertigkeit, die in den südlichen Ländern noch viel stärker zum Tragen kommt, erklärt, daß sie in Krisenzeiten mehr zu leiden haben.

Unterschiede
Weltweit sind eine Milliarde Menschen Analphabeten und fast 70 % davon sind Frauen. In zahlreichen Regionen der Welt erhalten Frauen keine angemessene Gesundheitsversorgung. Wenigstens eine Million Frauen sterben jedes Jahr bei der Geburt oder wegen Schwangerschaftsproblemen. Die Gewalt gegenüber Frauen äußert sich sowohl auf physischer und sozialer, als auch auf psychischer Ebene.
In allen Ländern existiert eine berufliche Trennung beim Zugang zu den Berufen und innerhalb der Hierarchie, wodurch ein ungleiches Einkommen verursacht wird.
Obwohl in den südlichen Ländern die Frauen 80 % des Anbaus von (im eigenen Land konsumierten; Anm. d. Ü.) Nahrungspflanzen sicherstellen, sind sie nur sehr selten Eigentümerinnen des Landes, das sie bestellen.
Die Frauen erledigen desweiteren den größten Teil der Arbeiten, die mit Familienpflichten oder dem Allgemeininteresse wie der Kindererziehung, der Zubereitung der Mahlzeiten, der Versorgung von Alten und Schwachen einhergehen.
So verrichten die Frauen in Südasien (Indien, Bangladesch, Nepal) 20 bis 30 Stunden pro Woche mehr an unbezahlter familiärer Arbeit als die Männer. In Japan wenden Frauen neun mal mehr Zeit dafür auf als Männer.
Eine neue französische Studie (INSU 1999, Die Zuteilung der Hausarbeit ...) zeigt, daß die Situation hier kaum anders ist, denn die Frauen übernehmen 2/3 der Hausarbeit (Frauen widmen täglich 5 Stunden dieser Arbeit gegenüber
2,5 Stunden bei den Männern).
Die ungleiche Verteilung der Familienarbeit ist auch ein Faktor, der Diskriminierungen verstärkt: sie beeinflußt den Schulbesuch der Mädchen, sie zwingt Frauen dazu, sich vom Arbeitsmarkt zurückzuziehen, sie führt bei manchen Frauen zu mehr als 70 Arbeitsstunden pro Woche.
Der Preis der Globalisierung

Frauen werden oft als Gewinner dieser Globalisierung dargestellt: es ist wahr, daß die Ausdehnung der Märkte, die neuen Beschäftigungsmöglichkeiten den Frauen neue Chancen eröffnen, die traditionellen Rollen und die patriarchalische Kontrolle - begrenzt - in Frage stellen. Der massive Auftritt der Frauen auf dem Arbeitsmarkt hat die öffentlichen Ansichten verändert. Für Millionen junger, unverbrauchter Frauen eröffnet die Vervielfältigung der Freihandelszonen (speziell in Südostasien und Zentralamerika) eine Beschäftigungsmöglichkeit und damit eine finanzielle Unabhängigkeit, wenn auch nur zeitweise.

Aber auf der anderen Seite sind ungesicherte Arbeitsverhältnisse, eine Reduzierung der sozialen Absicherung, die Abdrängung der schwächsten Bevölkerungsteile auch die Konsequenzen aus dieser ökonomischen Globalisierung, die ganz besonders auf den Frauen lasten; sie kommen zu den Diskriminierungen hinzu, deren Opfer Frauen traditionell sind, und sie erklären sich zu einem guten Teil auch daraus. Die Frauen sind dann besonders verletzbar, wenn sie allein für die Familie sorgen müssen, was bei einer von fünf Frauen auf der Welt der Fall ist.

Im Norden wie im Süden zahlen sie den hohen Preis der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Präsentiert als ein grundsätzlicher Trumpf im Wettbewerb, setzt sie sich überall durch. In Zeiten der Expansion bedeutet das intensive und schlechte Arbeitsbedingungen, die die Frauen in einigen Jahren verbrauchen: „In Thailand schätzt man, daß wegen erlittener Gesundheitsschäden und der Verringerung der Fähigkeit, zwischen den Augen und den Händen zu koordinieren, die Industriearbieterinnen nach lediglich fünf Jahren nicht mehr ‘rentabel’ sind. In Zentralamerika arbeiten die Frauen durchschnittlich sieben Jahre in den Fabriken der Freihandelszonen“ (C. Wichterich in: Die globalisierte Frau). In Zeiten zurückgehender Beschäftigung werden Millionen Frauen in die Arbeitslosigkeit entlassen.

Im Norden haben die arbeitsintensiven Industrien, die wie die Textilindustrie hauptsächlich Frauen beschäftigten, ihren Standort verlagert, was mit massiven Entlassungen einherging. Der große Anteil von Frauen unter denen, die man in den Ländern des Nordens die neuen Armen nennt, steht in direktem Verhältnis zum Anstieg der Arbeitslosigkeit. Waren in der USA 1940 nur 40 % der in Armut lebenden Menschen Frauen, so sind es heute 60 %.

In Mittel- und Osteuropa hat die Umwandlung hin zur freien Marktwirtschaft 75 Millionen Menschen in ungesicherte Verhältnisse gedrängt. In zahlreichen Sektoren wurden an erster Stelle die Frauen entlassen, und sie werden nur in den am wenigsten gut bezahlten Bereichen wieder eingestellt.

In diesen Zeiten der ökonomischen Schrumpfung, verstärkt sich die Arbeitslosigkeit der Frauen, aber ihre effektive Arbeitslast verringert sich deshalb nicht, besonders in den allerärmsten Ländern. Im Endeffekt zwingt die Verringerung der Einkommen, von der die gesamte Familie betroffen ist, die Frauen zur Entwicklung von Überlebensstrategien, um die dauerhafte Versorgung der Familie zu sichern: sie finden sich in den extrem ungesicherten Arbeitsverhältnissen des informellen Sektors wieder; sie arbeiten mehr und billiger.

Die Politik der strukturellen Anpassung, die Auswirkungen der Schulden der südlichen Länder wurden besonders belastend. Zum einen, weil die Ärmsten ihre ersten Opfer und viele der Ärmsten Frauen sind. Im Afrika südlich der Sahara hat die Politik der strukturellen Anpassung eine solche Verringerung von Arbeitsplätzen nach sich gezogen, daß der Anteil der „aktiven“ Frauen innerhalb der letzten 20 Jahren von 57 % 1970 auf 53 % 1990 gesunken ist.
Zum anderen, weil diese Programme die öffentlichen Dienste in diesen Ländern zerstört haben, mit besonders verheerenden Auswirkungen auf die Bildung und die Gesundheitsversorgung, was sich besonders auf die Frauen auswirkt. In der Logik einer Rentabilität um jeden Preis hatten die ökonomischen Umstrukturierungen zur Konsequenz, daß die sozialen Dienste geopfert wurden. Im Endergebnis müssen die Frauen nicht nur mehr arbeiten, um zuvor kostenlose Dienste zu bezahlen, sie müssen zudem das Fehlen der öffentlicher Dienstleistungen ausgleichen, indem sie die nötigen Arbeiten unbezahlt verrichten.

Die landwirtschaftliche Subsistenzproduktion (d.h. der Anbau für die eigene Ernährung; Anm. d.Ü.), die zu großen Teilen durch die Frauen sichergestellt wird, ist grundlegend für das Überleben von Millionen Menschen, besonders in den ärmsten Regionen. In Westsibirien widmen z.B. die Frauen zwei mal mehr Zeit um kleine Stücke Land zu bebauen, was die Versorgung mit den Grundnahrungsmitteln sicherstellt.

Der massive Eintritt der Frauen in den Arbeitsmarkt hat nicht die Gleichheit zwischen Männern und Frauen zur Folge gehabt. Die Trennung des Arbeitsmarktes in qualifizierte und nicht-qualifizierte Tätigkeiten, besser oder schlechter bezahlte, besteht fort.

Man findet die Frauen konzentriert auf einige Arbeitsbereichen wieder: Landwirtschaft (in den südlichen Ländern), Gewerbebetriebe, Handel, soziale Dienste. In den prestigeträchtigsten und am besten bezahlten Berufen sind sie unterrepräsentiert.

Das durchschnittliche Einkommen von Frauen bleibt unterhalb dem der Männer. In Frankreich ist der Abstand wie in Deutschland 25 % (bei Vollzeitbeschäftigung). 1995 entsprach der durchschnittliche Stundenlohn der Frauen 84 % des Lohnes der Männer in Schweden, 73 % in Spanien, 65 % in Großbritannien. (Wenn Frauen 25 % weniger verdienen als Männer bedeutet dies zugleich, daß Männer 33 % mehr verdienen als Frauen, was die Perspektive wiederum ganz erheblich verschiebt. Im Beispiel Großbritanniens werden so aus einem Unterschied von 35 % über 50 %. Anmerkung d. Ü.)

Es hat eine Verallgemeinerung sexistischer Stereotype in die Teilung der Arbeit Einzug gehalten.

Die grenzüberschreitende Zirkulation der „weiblichen Arbeit“, welche auch ein Aspekt der Globalisierung ist, verstärkt diese Festlegungen: die emigrierenden Frauen finden sich fast immer im Dienstleistungsbereich wieder, besonders als Hausangestellte - von den Philippinen kommt z.B. ein bedeutender Teil der asiatischen Hausangestellten, gefolgt von Indonesien und seit kurzem von China.

Das ist auch ein Merkmal für die neue internationale Arbeitsteilung zwischen den Frauen aus mittleren und gehobenen Gesellschaftsschichten und denen aus der Arbeiterschicht ihrer Herkunftsländer.

Sophie Zafari. Französische Koordination des Weltmarsches der Frauen 2000
Übersetzung: Monika Bootz.  mebootz@aol.com

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