Bericht vom 4. europäischen Koordinierungstreffen
zum Weltfrauenmarsch 2000 in Kopenhagen, 12. - 14. Mai 2000

Bericht: Monika Christann
Frankfurt am Main, 21.05.00

Das Treffen fand im "Women's Crisis Centre" (Frauennotruf und Frauenhaus) mit Namen "Dannerhuset" statt. Diese Villa mitten in Kopenhagen befindet sich im Besitz der Notruf-Frauen, da die verstorbene Adelige Dannert etwas für Frauen tun wollte und es dem Women's Crisis Centre vermacht hat.

Aus Deutschland waren Christel Deutsch/MLPD und Monika Christann/Feministische Partei DIE FRAUEN, gekommen. Insgesamt nahmen während des Wochenendes zwischen 26 und 34 Frauen aus acht Ländern teil.

Der Freitagabend diente in erster Linie dem "Sich-Kennenlernen". Folgende Fragen sollten von den Vertreterinnen der anwesenden Länder (Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Portugal, Schweden, Schweiz) beantwortet werden:
* Welche sind die Hauptforderungen der Länder?
* Was ist das größte Problem?
* Was ist der größte Erfolg?

Nachfolgend nur einige "Splitter" von Äußerungen:
Dänemark: Der Marsch wird von dänischen Frauen nicht als wichtige Sache angesehen. Es gibt ein Zeitproblem mit der Organisation. Schwierigkeiten mit der Mobilisierung. Die Frauen sind bereit, die Postkartenaktion mitzumachen, aber nicht unbedingt auf die Straße zu gehen.
Frankreich: Am 8. März gab es viele Aktionen, Filme, Feiern, Versammlungen. Am 17. Juni wird es eine Vielzahl von Aktivitäten geben, einen nationalen Marsch und einen "offenen Brief" an Lionel Jospin sowie eine Presseerklärung zum "Muttertag" (in Frankreich am 25. Mai).
Schweden: Die schwedischen Frauen -  nach eigenen Aussagen vorwiegend ältere Frauen - tun sich schwer, auf die Straße zu gehen. Postkartenaktion wird mitgemacht. Schwierigkeiten mit der Mobilisierung.
Schweiz: Am 14. Juni wird wegen des Jahrestages des Frauenstreiktages ein nationaler Marsch organisiert. Es werden an diesem Tag ab 18 Uhr noch nicht genannte, zeitgleiche Aktionen in verschiedenen Städten stattfinden. Am 13. Oktober wird es den nationalen Abschlussmarsch in Basel geben. Insgesamt gibt es acht nationale Hauptforderungen, je vier zu Gewalt und je vier zu Armut. Eine davon ist die Forderung nach bezahlter Mutterschaftsschutzzeit. Zur Zeit dürfen schweizerische Frauen zwar per Gesetz neun Wochen nach der Geburt nicht arbeiten, jedoch werden ihnen vom Staat nur drei Wochen bezahlte Zeit gebilligt! Eine weitere Forderung ist die straffreie Abtreibung.
Italien: Hat mit der Vorbereitung erst im Januar begonnen. Es gibt eine nationale Plattform, jedoch kommen die sehr unterschiedlichen Bedürfnisse der Süditalienerinnen nicht vor, da die Plattform in Norditalien geschrieben worden sei und die Frauen aus Süditalien so gut wie nicht anwesend seien. Es sei mehr eine Angelegenheit der Nord-Italienerinnen. Die organisierenden Frauen haben mit zwei großen Problemen zu kämpfen: Zum Einen mit dem starken Einfluss des Vatikans auf die Frauenpolitik und zum Anderen mit den unterschiedlichen Positionen zum Einsatz von italienischen Soldaten im Krieg in Jugoslawien/in Kosova. (Die meisten der Frauen haben sich für den Einsatz ausgesprochen.) Der größte Erfolg sei, dass die Italienerinnen die Aktion des Weltmarsches noch nicht abgebrochen hätten. Es gebe zwar in Rom ca. 100 Frauenorganisationen, jedoch untereinander massive Kommunikationsprobleme. Am 23. September wird der nationale Marsch in Rom durchgeführt. Da die Presse die Aktionen offenbar nicht druckt, wird eine bezahlte Anzeige gestartet.
Belgien: Steht vor einem großen Finanzierungsproblem und wird wahrscheinlich alle teilnehmenden Länder um einen Solidaritätsbeitrag von 250,- Euro bitten. Bezgl. der Plattform gibt es zwei inhaltlich unterschiedliche: eine für den wallonischen und eine für den flämischen Teil. In der Plattform (flämischer Teil) mussten sehr viele Kompromisse geschlossen werden. Ansonsten ist die Mobilisierung gut. Für den Marsch in Brüssel werden ca. 10.000 belgische Frauen kommen.
Dänemark: Mobilisierungsproblem. Es hat ein Seminar gegeben mit dem Thema: "Sexuelle und religiöse Diskriminierung". Gute Kontakte mit Kolumbien: Am 8. März waren in Bogotá 3.000 Frauen auf der Straße. Leider erhalten sie von den USA kein Visum, um zum internationalen Marsch nach New York zu kommen.
[Die Niederlande, Österreich, Spanien und Zypern werden sich am Marsch beteiligen. Einzelheiten sind zur Zeit nicht bekannt, auch nicht, was mit Finnland, Griechenland, Großbritannien, Irland, Island, Norwegen und Osteuropa, insbesondere Rumänien,  ist. Eine Finanzierung für Flüge von osteuropäischen Frauen konnte nicht erreicht werden.]

Samstag:
Der Samstag diente in erster Linie der Behandlung folgender Fragen:
1. Wie ist die derzeitige internationale Situation des Marsches?
2. Wer wird die Europäische Plattform am 14. Oktober der Kommission überreichen?
3. Wer wird beim abschließenden Marsch in Brüssel reden?
4. Welche weiteren politischen Organe sollen die Europäische Plattform erhalten?
5. Welche Ereignisse wird es von jetzt bis zum 14. Oktober geben? (Größtenteils schon am Freitag abgehandelt.)
6. Beteiligung von Männern am March.
7. Finanzierung von Teilnehmerinnen aus osteuropäischen Ländern (aus Zeitmangel wurde dieser Punkt nicht mehr behandelt.)

Es gibt offenbar derzeitig ein Kommunikationsproblem mit den Organisatorinnen in Kanada. Etliche Briefe/Faxe sind seit dem 31. März nicht beantwortet worden.
Für Europa ist jetzt eine andere Frau zuständig: Ann McBrearty, email: annmcb@ffq.qc.ca
Aus dem Liaison-Committee haben sich zwei Untergruppen mit Namen "Strategy" und "Action &Animation" gebildet, die sich um die Märsche in Washington und New York kümmern. Véronique Ducret/Schweiz und Suzy Rojthmann/Frankreich sind im "Strategie-Ausschuss" (insgesamt 15 Frauen darin). Zur Zeit beraten sie die Folgen der WTO-Tagung in Seattle und wie strategisch in Washington am 15. Oktober vorgegangen werden soll.

Der Sternenmarsch nach Brüssel beginnt am 8. Oktober mit den sog. "Märschen in der Region" von sechs verschiedenen Grenzpunkten aus (drei in Flandern, drei in Wallonien). Deutschen Frauen wird empfohlen, dass sie an den Märschen mit flämisch/deutsch-sprechenden Frauen teilnehmen, es sei denn, dass sie Französisch sprechen. Die Märsche werden international besetzt sein. Für jeden der sechs Märsche gibt es eine Ansprechpartnerin, die für die teilnehmen Frauen Unterkunft und Essen organisiert. An jedem Abend wird es in dem Ort, in dem die marschierenden Frauen übernachten werden, ein Programm entweder zu einem der beiden Hauptschwerpunkte Armut (z. B. "Tobin-Steuer") bzw. Gewalt oder einfach nur ein Musik und/oder Kabarett geben. Die Marschiererinnen sind versichert, jedoch nicht etwaige Radfahrerinnen.
Es wird um Spenden für die Unkosten gebeten, ca. 100 BFrs./Tag (= ca. 5,-/Tag, wenn es geht, mehr.) Ein Minibus (pro Strecke) transportiert das Gepäck und Erste-Hilfe-Kasten sowie ggfs. erschöpfte Marschiererinnen.
Achtung: Letztmalige Anmeldungsfrist für diese Märsche ist der 15. September! (In Kürze werden die Formulare ins email- bzw. Internetsystem gestellt.) Danach müssen sich Nachzüglerinnen selbst um Unterkunft und Essen kümmern.
Die Frauen, die an den "regionalen" Märschen teilnehmen können, können am Samstag (14. Oktober) dort übernachten, wo sie am Freitag in Brüssel ankommen. Für den Marsch am 14. Oktober sollen die "Frauen-Silhouetten" in einer Größe von 1 m (in der Höhe) angefertigt werden. Der Marsch beginnt beim Schumann-Platz (neben dem Parc du Cinquantennaire") und wird auch dort enden. Die Busparkplätze befinden sich ebenfalls direkt daneben. Für Workshops/Foren werden ca. 20 kleinere Zelte aufgebaut.

Der abgestimmte Zeitplan am 14. Oktober:
ab 10.00 Uhr:           "Willkommen"-Stand im Park
11.00 bis 13.00 Uhr  Marsch durch Brüssel (ab/bis Schumann-Platz)
14.00 bis 14.40 Uhr  Europäisches Politisches Manifest mit
                               * einer Einführung (Ann McBrearty/Kanada, 4 min.)
                               * Rede zu Armut (Sophie Zafari/Frankreich, 6 min.)
                               * Rede zu Gewalt (flämisch-sprechende Frau, evtl. aus
                                 der "White Ribbon-Organisation, 6 min.)
                               * Rede zur Globalisierung (Susan Geroge/USA, 6 min)
                               * Zusammenfassung durch dreisprachige Moderatorin
14.40 bis 15.00 Uhr  Musik und Animation
15.00 bis 17.00 Uhr  Abwechselnd 15 min. lang Länder-Blöcke und Musik.
 
Alle teilnehmenden Länder sollen ihre Hauptforderung innerhalb von zwei Minuten darstellen.
Wie, bleibt der Fantasie überlassen. (Koordination: Francesca…/Italien. Die Aktivitäten sollen an sie gemeldet werden!)

Parallel sollen am Nachmittag (13 bis 17 Uhr) die workshops/Foren in den Zelten stattfinden. Bitte workshops und die benötigte Technik so bald wie möglich nach Brüssel melden! (Sophie Pioro, Gerd de Clerck oder Eva Herrijgers, NVR@amazone.be). Für die Informationsstände, die ebenfalls parallel stattfinden, werden Tische zur Verfügung gestellt. (Gebühr für Infostand: 250 Euro) Kinderbetreuung wird durchgeführt. Am Abend wird es der Innenstadt von 19.00 bis 22.30 Uhr Abendveranstaltungen geben (Kinofilme in verschiedenen Sprachen, Konzert). Achtung: Für das Konzert gibt es nur ca. 2.000 Karten, es werden aber mindestens 18.000 Frauen erwartet! Rechtzeitig bestellen!
 

Am Samstagnachmittag gab es eine lange, zähe und in meinen Augen sehr autoritär geführte Diskussion, an welche Organisationen die Europäische Plattform überreicht werden soll. Die Däninnen taten sich sehr schwer, die bereits in Genf getroffene Entscheidung mitzutragen, EU-Kommissions-Präsident Romano Prodi die Plattform zu überreichen. (Anm.: wohl wegen grundsätzlichem Misstrauen gegenüber der EU.) Es kam ein Veto, was jedoch mit Hinweis auf die bereits abgestimmte Entscheidung zurückgewiesen wurde. Von den dänischen und weiteren Frauen kamen dann zusätzliche Vorschläge. Es wurden diskutiert: die Überreichung an den Europarat (Wunsch der Däninnen: alle 41 europäischen Staaten sollen ihre Europarats-vertreterinnen kontaktieren und sie einladen, nach Brüssel zu kommen, um dort auf dem Podium zu sprechen); an den Frauenausschuss des Europaparlaments, eine Sitzung im Europaparlament mit dem Thema erreichen; eine Sitzung im Europarat erreichen (Däninnen); Anna Diamantopolou, Kommissarin für GD V (Anm.: Generaldirektion V = Beschäftigung und Soziale Angelegenheiten, die größte GD!). Es war leider allgemein nicht bekannt, dass die neue Kommissarin, Anna Diamantopolou, bisher Frauenpolitik gemacht hat und in ihrer Generaldirektion darauf achtet, dass "Gender mainstreaming" eingehalten wird. Sie wäre m. E. eine hervorragende Adresse/Ansprechpartnerin.) Letztlich konnte eine Einigung nur in den folgenden Punkten erzielt werden:


[Nach dem Abendessen, als ich mit der Arbeitsgruppe "Pressekonferenz" wieder in den Aufenthaltsraum kam, schallten bereits laute Lieder durch das Haus… Die gehaltvollen Apéritifs sowie etliche Flaschen Rot- und Weißwein hatten die Stimmung nach den Diskussionen am Nachmittag, an dem der autoritäre Moderationsstil zweier Däninnen bei einigen Frauen für Unmut gesorgt hatte, offenbar vergessen lassen. Alle Länder (mit Ausnahme Deutschland…) gaben ihre feministischen Kampflieder zum Besten, wobei in diesem "Song Contest" eindeutig Frankreich und Belgien die meisten Punkte erhielten und sich an die Spitze setzten, die Däninnen jedoch auf Grund der international verständlichen Körpersprache gut nachzogen… Das lautstarke Singen dauerte bis nach 23 Uhr.]

Sonntagmorgen:
Es blieb nicht sehr viel Zeit bis zum Mittagessen. Es wurde nur kurz WASHINGTON (15.10.) angesprochen. Möglicherweise wird es bereits in der Nacht ein Sit-in vor der Weltbank geben, da vermutlich kein Termin mit den Herren zu Stande kommt, was jedoch versucht werden soll. Eigentlich ist der Marsch in Washington der nationale, es sollen aber dennoch möglichst viele Frauen aus dem internationalen Raum teilnehmen. NEW YORK (17.10.): Über die laufende Organisation für New York ist noch zu wenig bekannt. Francoise David von den Frauen aus Québec wird (wenn ich das richtig verstanden habe) die Koordinatorin sein. Aus jedem Land soll es eine "Eingabe" geben. Die Postkarten sollen zu einem großen Monument vor den Vereinten Nationen aufgebaut werden.
Diskussion um Männer bei den Veranstaltungen in Brüssel: Es wurde beschlossen, dass nur Frauen auf dem Podium reden sollen, auch wenn ein Minister Geld gibt und dafür aber reden will; es gebe genügend qualifizierte Frauen, die etwas zu sagen hätten. Auch sollten es keine Dirigenten von Chören sein, sondern Dirigentinnen. Von der Organisation "White Ribbon" soll auf jeden Fall eine Frau als Rednerin gefunden werden. Bei Kameramännern und Technikern auf der Bühne wurden Kompromisse erzielt.

Auf folgende Aktionen/Termine soll noch hingewiesen werden:


Noch eine Bitte zum Schluß von den Belgierinnen an die Organisationen in Deutschland: Bitte meldet Eure voraussichtliche oder geschätzte Teilnehmerinnenzahl an den Deutschen Frauenrat und an mich oder Agnes Korn, damit die belgischen Frauen nicht an den tatsächlichen Zahlen vorbeiplanen. Außerdem bitten sie alle Länder, sich mit mind. 250 Euro an der Aktion zu beteiligen, weil sie es finanziell nicht alleine tragen können.

Weiterhin ist es empfehlenswert, die sehr schönen bordeaux-farbenen Regenjacken und die dazu passenden leichten Rucksäcke aus weißem Nessel mit bordeaux-farbenem Logo aus Belgien zu bestellen. Die T-Shirts aus der Schweiz in schwarz und weiß mit dem regenbogen-farbenen Logo der marschierenden Frauen sind auch sehr hübsch. Es gibt noch verschiedene Anstecker - einer schöner als der andere - aus Belgien, aus der Schweiz und aus Frankreich. Die entsprechenden Bestell-Formulare sind ja bereits im Umlauf.

Agnes Korn:  a.korn@em.uni-frankfurt.de (069) 798 22847, privat (069) 24278494, Fax 24006877

Monika Christann Tel./Fax. (069) 49085504, -05, Röderbergweg 11, 60314 Frankfurt am Main, in Kürze auch email

Deutscher Frauenrat: kontakt@frauenrat.de, www.frauenrat.de, Simrockstr. 5, 53113 Bonn, Tel. (0228) 949190, Fax 9491944

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